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Das Jahr 2021 war das bislang erfolgreichste ihrer Karriere: Angelika Dreock-Käser gewann den WM- und EM-Titel sowie zwei Medaillen bei ihren ersten Paralympischen Spielen. Doch all das stellte ein privater Schicksalsschlag in den Schatten. Es war und ist der Radsport, der der 55-Jährigen Kraft gibt – auch mit Blick auf die bevorstehende WM in Kanada (11. bis 14. August).

Stundenlang kann Angelika Dreock-Käser an ihrem Carbon-Renn-Dreirad schrauben. Und wenn es nicht das Basteln und Tüfteln ist, dann sitzt die Athletin auf ihrem Tricycle und spult ordentlich Kilometer ab. Knapp ein Jahrzehnt geht das nun schon so. Fast genauso lange hat es gedauert, bis sich all der Fleiß ausgezahlt und die Karriere von Dreock-Käser im vergangenen Jahr ihren bisherigen Höhepunkt erreicht hat: Welt- und Europameisterin, Silber- und Bronzemedaillengewinnerin bei den Paralympics in Tokio 2021. Doch zum Feiern war ihr in all diesen Momenten nicht zumute, denn neben dem sportlichen Erfolg musste die Bernriederin kurz vor den Paralympics den plötzlichen Tod ihres Ehemanns verkraften. Aufhören oder nicht starten? Das kam für sie nicht infrage. Die Spiele waren für sie Traum und Ablenkung zugleich.

Der Sport zieht sich wie eine Linie durch das Leben von Angelika Dreock-Käser. Zunächst als Lang- und Mittelstreckenläuferin aktiv, absolvierte sie in den 1990er Jahren etliche Marathons. 2009 war es, als ein Schlaganfall eine nachhaltige Störung der Bewegungskoordination (Gangataxie) hinterließ. An lange Läufe war nicht mehr zu denken. Also stieg Dreock-Käser auf den Para Radsport um und kanalisierte Bewegungsdrang und Akribie in die neue Leidenschaft. Heute fährt sie in der Startklasse T2 beim Zeitfahren und in Straßenrennen in der Weltspitze der Dreiradfahererinnen mit. „Die ganz langen Strecken liegen mir nicht mehr so, meine Stärke ist die gute Mischung aus Schnelligkeit und Ausdauer“, sagt Dreock-Käser, die für den Brandenburgischen Präventions- und Rehabilitationssportverein (BPRSV) Cottbus startet und dem Paralympicskader (PAK) des Deutschen Behindertensportverbandes angehört.

Ihre Paralympics-Premiere 2021 geriet eher unverhofft zum Highlight ihrer Karriere, denn sie war nur dank einer Wildcard mit dabei: „Tokio war insgesamt ganz toll für mich, mit den beiden Medaillen als Krönung. Aber auch danach habe ich weitertrainiert und versucht, mein Leistungslevel zu halten. Das hat in der Weltcup-Saison ganz gut funktioniert.“ Ganz gut ist freilich untertrieben. Schließlich feierte die 55-Jährige beim Weltcup-Finale am vergangenen Wochenende einen Doppelsieg und schnappte sich damit auch Platz eins im Gesamtweltcup. Dabei hatte sich die Dreiradfahrerin zu Saisonbeginn mit Corona infiziert und noch Wochen danach mit den Folgen zu kämpfen. Eine Ausrede für die nun anstehenden Weltmeisterschaften im kanadischen Baie-Comeau (11. bis 14. August) sucht Dreock-Käser darin aber nicht: „Ich bin sehr gut vorbereitet.“ Das hat sie nicht zuletzt bei der Generalprobe im Weltcup unter Beweis gestellt.

Das Höhentrainingslager in Livigno und zahlreiche Extra-Schichten liegen hinter ihr und der gesamten deutschen Para Radsport-Nationalmannschaft. Dennoch startet sie bei dieser WM unter ungewohnten Vorzeichen. Erstmals tritt sie als amtierende Weltmeisterin im Zeitfahren an. Und diesmal wird ihr Ehemann nicht dabei sein. Vor fast genau einem Jahr verstarb er unerwartet beim Joggen. „Mein Mann und ich haben sehr viel zusammen unternommen, gerne gemeinsam an den Rädern gebastelt und uns gut ergänzt. Er fehlt mir sehr, aber ich habe das gut verkraftet und bin fokussiert auf meinen Sport“, sagt sie. „Auch die Teamkollegen helfen mir dabei.“ Dass die Frau aus Oberbayern ihr 11,5 Kilo schweres Dreirad selbst zusammenschraubt und immer wieder optimiert, ist ein zentraler Teil ihres Lebens und ein Geheimnis ihres Erfolgs.

Reneé Schmidt, Trainer am Paralympischen Stützpunkt Brandenburg in Cottbus und kommissarisch in der Rolle als Para Radsport-Bundestrainer tätig, kennt Dreock-Käser seit vielen Jahren. Er unterstützte sie auch bei der Umstellung vom Zweirad- auf das Dreirad. „Angelika ist eine sehr selbstständige Athletin, sie ist fleißig und sehr detailverliebt, was den Radsport betrifft. Außerdem ist sie eine sehr starke Frau“, sagt Schmidt. Bei der WM in Kanada ist die Konkurrenz groß, dennoch traut Schmidt ihr viel zu. Auch Angelika Dreock-Käser ist selbstbewusst. Immerhin liegen mehrere Wochen Trainingslager und eine akribische Vorbereitung auf die WM hinter ihr und dem Team: „Mein Ziel ist es schon, unter die Top drei zu fahren. Ich kenne zwar die Strecke nicht, aber an meiner Form sollte es nicht scheitern.“ Denn die scheint ausgezeichnet zu sein.

Quelle: Jessica Balleer

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