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Nach fast dreijähriger berufs- und pandemiebedingter Wettkampfpause mischt Steffen Lehmker wieder im Para Ski nordisch-Weltgeschehen mit. Bei der am Samstag startenden WM 2023 in Östersund will der Paralympics-Medaillengewinner von 2018 aus Niedersachsen in vier Einzelrennen dabei sein. Insgesamt ist die deutsche Mannschaft mit elf Athletinnen und Athleten und vier Guides in Schweden vertreten. Unter ihnen ist eine Rückkehrerin mit glanzvoller Vergangenheit: Andrea Eskau.

Der Hauptteil der deutschen Para Ski nordisch-Nationalmannschaft ist am Dienstag von Frankfurt am Main aus über Stockholm nach Östersund in der schwedischen Region Jämtland gereist, wo vom 21. bis 29. Januar sechs Einzel- und zwei Staffel-Rennen im Para Skilanglauf und Para Biathlon anstehen. Steffen Lehmker war nicht im Flieger. Der für den WSV Clausthal-Zellerfeld startende Athlet, der am vergangenen Sonntag seinen 34. Geburtstag feierte, saß zur gleichen Zeit in einer Zeugniskonferenz der BBS 1 Lüneburg, an der er seit zwei Jahren als Berufsschullehrer für die Fächer Wirtschaft und Sport arbeitet.
 
Erst am Freitag wird sich Lehmker auf die Reise gen Norden machen, wenn die letzten beruflichen Pflichten erfüllt und der Kopf frei ist für die Wettkämpfe. Kommenden Dienstag, beim Langlauf-Sprint, will er das erste Mal auf die Loipe gehen. Diese Jonglage mit den Bällen des Berufsalltags und denen des Leistungssports beschreibt sehr treffend die Herausforderungen, mit denen sich der in Bad Bevensen im Landkreis Uelzen beheimatete Lehmker konfrontiert sieht.
 
Sehnsucht nach Schnee
 
Früher war vieles einfacher. „Da konnte ich das Studium und den Alltag an den Sport anpassen“, sagt er. 2014 begann der frühere Fußballer und Marathonläufer, der von Geburt an eine Plexuslähmung am rechten Arm hat, mit Biathlon und Langlauf. Im Februar 2016 feierte er in Finsterau (Bayerischer Wald) sein Weltcup-Debüt, ein Jahr später folgte an selber Stelle die WM-Premiere. Inzwischen steht der Alltag in der Rangfolge notgedrungen vor dem Sport. Lehmker unterrichtet 18 Wochenstunden, etwa genauso viel Zeit investiert er in Vor- und Nachbereitung. Und daheim wartet die zweijährige Tochter. „Papa Arbeit“, sage die manchmal, wenn er sich zum Training umziehe, berichtet er lächelnd.
 
Vollzeit arbeiten, Zeit mit der Familie verbringen, der Leidenschaft Leistungssport frönen – das alles unter einen Hut zu bringen, ist komplex. „Es gibt Phasen, da komme ich mit dem, was ich mir vornehme, nicht hinterher.“ Zumal: Auf Schnee zu trainieren bedeutet für ihn als tief verwurzeltes Kind des Nordens die nächste Herausforderung. Das Para Ski nordisch-Bundesleistungszentrum im Schwarzwald ist knapp zehn Autostunden entfernt, die Skisporthalle im thüringischen Oberhof dreieinhalb – keine Distanzen für Tagesausflüge, geschweige denn fürs Feierabendtraining. 
 
Statt mit Langlaufskiern sammelt Steffen Lehmker seine Trainingskilometer überwiegend mit Skirollern auf Asphalt. „Die Abläufe im Körper sind ähnlich. Wenn ich wieder auf Schnee bin, komme ich relativ gut rein in die Bewegung“, sagt er. Trotzdem bräuchten Sehnen und Bänder eine Weile für die Verarbeitung. Eins zu werden mit den Skiern und dem Untergrund, in ein wahrhaftiges Flow-Gefühl zu kommen, das klappt nicht von jetzt auf gleich. Umso mehr genoss Lehmker die Zeit beim Vorbereitungslehrgang in Toblach (Südtirol) Anfang des Jahres, nach dem Bundestrainer Ralf Rombach feststellte: „Die Schneekilometer und die Komplexeinheiten haben Steffen gutgetan. Es lief bei ihm jeden Tag ein Stückchen besser.“ Allerdings: Aus dem Trainingslager musste Lehmker vorzeitig abreisen. Die Schulferien waren vorüber.
 
Der Geschmack sportlicher Emotionen
 
Aufgrund der beruflichen Belastung und weil pandemiebedingt viele Wettkämpfe ausfielen, pausierte Steffen Lehmker lange. Sein letzter Weltcup vor Corona war im Januar 2020 in Dresden, seine Rückkehr folgte erst im vergangenen Dezember im finnischen Vuokatti. Im Langlauf-Sprint wurde er Zwölfter und stellte fest, dass die Konkurrenz in seiner Abwesenheit nicht geschlafen hat. Zumal einige andere Nationen Profisportler ins Rennen schicken.
 
Diesen Umstand betont er zur Einordnung. Nicht – das ist ihm wichtig – um über ungleiche Bedingungen zu klagen. „Der Para Sport in Deutschland hätte mehr Beachtung verdient, damit die Menschen verstehen, wie viel Engagement hinter all dem steckt“, sagt er. „Aber ich bin dankbar für meine Lebensumstände, für die Förderungen und die Unterstützung.“ Der Behinderten-Sportverband Niedersachsen etwa verschaffte ihm ein Gewehr. „Es ist für mich ein Privileg, Biathlon machen zu können.“
 
Für die WM 2023 hat er sich vorgenommen, nach den Rennen mit sich selbst zufrieden zu sein. Weil er spürt, gezeigt zu haben, was in ihm steckt. Zudem hofft er, sich zum Abschluss der Wettkämpfe einen Platz in der Staffel ergattern zu können. Mit ihr verbindet er das emotionalste Erlebnis seiner bisherigen Karriere. 2018 bei den Paralympics in PyeongChang (Südkorea) gewann er an der Seite von Andrea Eskau und Alexander Ehler Bronze im Mixed. „Unglaublich aufregend“ sei das gewesen. „Es kam für mich völlig unerwartet.“ Am Ende des Jahres wurde das Trio zum Para Team des Jahres gewählt. Und Steffen Lehmker wusste: Von diesen Momenten, die ihm der Leistungssport schenkt, will er noch mehr kosten. Komme was wolle.
 
Weltcup-Erfolge schüren Hoffnung für die WM
 
Lehmkers Gefährten aus dem Staffelrennen von PyeongChang, Alexander Ehler und Andrea Eskau, gehören ebenfalls zum deutschen Aufgebot für Östersund 2023, was im Fall von Letzterer Ralf Rombach besonders freut. Mehr als zwei Jahre lang kämpfte die achtfache Para Weltmeisterin und vierfache Paralympics-Siegerin im Langlauf und Biathlon mit gesundheitlichen Problemen, ihr letztes Weltcup-Rennen war Anfang 2020. Nun ist sie zurück. Top-Platzierungen sind von ihr nicht zu erwarten, die Wettkämpfe will sie dennoch genießen. „Sie hat richtig Lust. Und es sich verdient, hier dabei zu sein“, sagt der Bundestrainer.
 
Für Medaillen dürften andere sorgen. Anja Wicker etwa, die im Dezember beim Weltcup in Vuokatti groß auftrumpfte. Oder die 16 und 19 Jahre alten Paralympics-Entdeckungen Linn Kazmaier und Leonie Walter, die in Finnland erstmals ein Weltcup-Rennen gewannen, genau wie Nico Messinger, der elf Jahre lang auf diesen Erfolg hingearbeitet hat. Auch der Sprint-Experte Marco Maier, doppelter Silbermedaillen-Gewinner der Paralympics in Peking 2022, darf sich etwas ausrechnen. 
 
Die jüngsten Weltcup-Erfolge haben die Erwartungen an die deutsche Mannschaft steigen lassen. Den Ehrgeiz im Team ebenso. Ralf Rombach bewertet das als positiv, fordert aber auch Demut. Erstens war in Vuokatti nicht die komplette Weltelite präsent und die sonst sehr starken Athletinnen und Athleten aus der Ukraine schwächer als gewohnt. „Zweitens gibt es immer Umstände, die du nicht beeinflussen kannst.“ Die Forderung des Bundestrainers an seine Schützlinge lautet: fokussiert und locker bleiben.
 
Weitere Informationen rund um die WM und Ergebnisse gibt es auf der Webseite des internationalen Verbandes. 
 

Das deutsche Kader für die Para Ski nordisch-WM in Östersund (Schweden):
Frauen mit Sehbeeinträchtigung: Linn Kazmaier (16 / Nürtingen / SZ Römerstein, Guide: Florian Baumann / 21 / Nürtingen / SZ Uhingen), Johanna Recktenwald (21 / St. Wendel / Biathlon-Team Saarland, Guide: Lutz Klausmann / 30 / Titisee-Neustadt/ SV St. Georgen), Leonie Walter (19 / Freiburg / SC St. Peter, Guide: Pirmin Strecker / 20 / Freiburg / SV Kirchzarten)
 
Frauen sitzend: Andrea Eskau (51 / Apolda / USC Magdeburg), Merle Menje (18 / Mainz / St TV Singen), Anja Wicker (31 / Stuttgart / MTV Stuttgart)
 
Männer mit Sehbeeinträchtigung: Nico Messinger (28 / Freiburg / Ring der Körperbehinderten Freiburg, Guide: Robin Wunderle / 24 / Freiburg / SC Todtnau)
 
Männer stehend: Alexander Ehler (53 / Leninogorsk (KAZ) / SV Kirchzarten), Steffen Lehmker (34 / Uelzen / WSV Clausthal-Zellerfeld), Marco Maier (23 / Oberstdorf / SV Kirchzarten), Sebastian Marburger (25 / Frankenberg (Eder) / SK Wunderthausen)
 
Der Zeitplan:
Samstag, 21. Januar, 10.30 Uhr bis 15.25 Uhr: Biathlon-Sprint (7,5 km)
Sonntag, 22. Januar, 9.30 Uhr bis 15.35 Uhr: Langlauf Langdistanz klassisch (18 km)
Dienstag, 24. Januar, 12.30 Uhr bis 17.30 Uhr: Langlauf-Sprint freier Stil (0,8 km für sitzende Klasse, 1,2 km für stehende Klassen)
Mittwoch 25. Januar, 9.30 Uhr bis 15 Uhr: Biathlon Mitteldistanz (10 km)
Freitag, 27. Januar, 10 Uhr bis 15.15 Uhr: Biathlon Einzelrennen (12.5 km)
Samstag, 28. Januar, 12 Uhr bis 16.05 Uhr: Langlauf Mitteldistanz freier Stil (10 km)
Sonntag, 29. Januar, 10 Uhr bis 12.35 Uhr: Langlauf-Staffeln Mixed und Offen (4x2,5 km)

Text: Ben Schieler / DBS

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