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Sport ist die große Leidenschaft von Marcel Malchin. Seit einem Unfall vor zweieinhalb Jahren hat er beidseitig eine Beinamputation. Bis dahin war der 25-Jährige als Fußballer und Basketballer aktiv. Inzwischen spielt er Sitzvolleyball und ist immer auf der Suche nach neuen Disziplinen. Im Rahmen der Talent Days des TSV Bayer Leverkusen hat er erstmals spezielle Sportprothesen getestet – und ist begeistert. Sein Fazit: „Ich kann wieder Joggen wie früher. Es braucht nur das richtige Hilfsmittel.“ Doch die Hilfsmittelversorgung ist hierzulande ein großes Problem, vor allem für über 16-Jährige. Pünktlich zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember bündelt der Deutsche Behindertensportverband nun Wissenswertes und Tipps rund um dieses Thema auf seiner Webseite, um die Beschaffung von Hilfsmitteln für den Sport zu erleichtern – und fordert die beteiligten Institutionen auf, Menschen mit Behinderungen nicht vom Sport auszuschließen.

Marcel Malchin kann sich noch gut an den Moment erinnern, als er zum ersten Mal auf Sportprothesen stand. Eine ziemlich wackelige Angelegenheit sei das gewesen, sagt er und muss schmunzeln. „Ich stand erstmal nur am Rand, habe mich an der Bande festgehalten und geschaut, dass ich nicht hinfalle. Das war schon ein aufregendes Gefühl“, beschreibt der 25-Jährige seine ersten „Steh- und Gehversuche“ im Frühjahr 2022 in Leverkusen. „Ich konnte mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, jemals auf diesen Sportprothesen rennen zu können.“

Amputationen nach Unfall im Frühjahr 2021

Knapp ein Jahr zuvor hatte der Düsseldorfer einen Unfall mit der Bahn. Infolgedessen mussten ihm das rechte Bein und der linke Unterschenkel amputiert werden. Seitdem ist er mit zwei Prothesen unterwegs. Elektronisch gesteuerte Alltagsprothesen helfen ihm beim Gehen, für dynamischen Sport sind sie allerdings nicht geeignet. Mit ihnen würden die Stöße beim Laufen ungedämpft auf die Beinstümpfe einwirken. Um wieder joggen und sportlich aktiv zu sein, benötigt der 25-Jährige Sportprothesen. „Ich habe vor meinem Unfall Fußball sowie Basketball gespielt und bin viel gelaufen. Das fehlt mir jetzt. Daher teste und probiere ich, was möglich ist – und suche nach einem Sport, den ich dauerhaft ausüben kann.“

Zweimal pro Woche fährt er daher extra die rund 40 Kilometer zu einer Sportgruppe „FitmitOhneProthese“ nach Leverkusen, um in der Para Sport-Abteilung des TSV Bayer mit anderen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gemeinsam sportlich aktiv zu sein. „Wir machen Laufübungen, Stabilisation und Krafttraining“, erklärt er. Seine Trainerin hat Marcel Malchin auf die zusätzlichen Talenttage im Verein aufmerksam gemacht. Insgesamt fünfmal war er inzwischen dabei und hat die Chance genutzt, unter professioneller Anleitung Sportprothesen zu testen. Vom Laufgefühl ist er überwältigt: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich damit so gut bewegen kann.“ 

Seine ersten Gehversuche machte Marcel Malchin entlang der Banden, immer mit der Möglichkeit, sich notfalls festhalten zu können. Das Besondere an den Sportprothesen: Gelaufen wird auf einer Karbonfeder. Den Kontakt zum Boden erreicht man über ein kleines Fußteil, das die Kraft optimal aufnimmt und sie explosiv wieder abgibt. Während Alltagsprothesen für ein größeres Sicherheitsgefühl sorgen, ermöglichen Sportprothesen dynamische und schnelle Bewegungen. Ein Abrollen des Fußes ist dabei nicht möglich. Auch der aufrechte Gang ist schwieriger, anfangs ging das nur mit Hilfe von Gehhilfen. „Auf den Sportprothesen ist es deutlich schwieriger, das Gleichgewicht zu halten“, erklärt der 25-Jährige, der kürzlich seinen Bachelor in Kommunikationsdesign abschloss. „Der gesamte Körper wird dabei beansprucht. Außerdem kann ich als Doppeltamputierter auf den Sportprothesen nicht wirklich stillstehen. Ich muss mich immer bewegen, weil ich auf beiden Seiten nur über kleine Punkte Kontakt zum Boden habe. Daran muss man sich erst gewöhnen und vor allem Vertrauen in die Prothesen gewinnen.“

An den Talent Days haben die Teilnehmenden die Gelegenheit, ihre Alltagsprothese gegen eine Sportprothese zu tauschen und sportlich aktiv zu werden. Nach dem Kennenlernen und der Einstellung der Sportprothesen, die ein renommiertes Medizintechnikunternehmen zur Verfügung stellt, lernen die Teilnehmenden ein Wochenende lang ihr „neues Sportgerät“ kennen, üben das Gehen, das Joggen und später auch das Rennen. „Man spürt direkt, dass die Sportprothesen viel leichter sind. Das ist ein ganz neues Laufgefühl“, betont Malchin, der auch das Sitzvolleyballspielen in Leverkusen für sich entdeckt hat.

Unterstützung von Johannes Floors und Heinrich Popow

Tipps zum richtigen Umgang gibt es an diesen Tagen von paralympischen Spitzenathleten sowie Trainern des TSV und des Deutschen Behindertensportverbandes. Insbesondere die beiden Paralympics-Sieger Johannes Floors und Heinrich Popow seien ihm große Hilfen gewesen, sagt Marcel Malchin. „Sie haben sich gerade zu Beginn sehr intensiv um mich gekümmert, mich motiviert.“

Nach und nach wurden die zusätzlichen Hilfsmittel immer weniger – und die Sicherheit beim Laufen größer. Dieses Jahr im April hat er es dann zum ersten Mal geschafft, ohne Festhalten auf den Sportprothesen zu laufen. „Bei mir hat es zwar etwas länger gedauert, aber dieser Moment hat mich enorm motiviert, weiterzumachen.“

Die Umstellung von der Alltagsprothese hin zu der wesentlich leichteren Sportprothese sei nicht einfach gewesen. Aber der Aufwand lohne sich. „Ich kann dadurch Joggen wie früher, wieder Kondition aufbauen und etwas für meine körperliche Fitness tun“, freut sich Malchin, der betont: „Das sorgt nicht zuletzt für mehr Lebensqualität und verhilft mir zu einem Stück mehr Normalität.“
 
Auch deshalb hofft er auf die Hilfsmittelversorgung durch die Krankenkasse. Während Leistungssportler meist ohnehin mit Sportprothesen versorgt sind, wissen viele Breitensportler häufig nicht um die Möglichkeiten der Kostenerstattung und die gesundheitsfördernden Vorteile einer solchen Prothese. Für den Düsseldorfer steht nach den vielen positiven Erfahrungen fest, dass er eine Sportprothese beantragen möchte. „Aktuell bemühe ich mich noch um eine Badeprothese. Jede Beantragung ist mit einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden. Weil mir zwei solche Verfahren gleichzeitig zu viel sind, muss die Sportprothese warten“, erklärt Malchin, der Menschen mit Amputation dazu animieren möchte, Sportprothesen auszuprobieren und dadurch womöglich den Weg zurück in den Sport zu finden. „Es fühlt sich richtig gut an, sich wieder schnell zu bewegen und festzustellen: Sporttreiben geht eben immer noch, wenn man das richtige Hilfsmittel hat.“

Friedhelm Julius Beucher: „Eine Frage von Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft“

Für eine unbürokratische und transparente Hilfsmittelversorgung setzt sich auch der Deutsche Behindertensportverband ein – sowohl mit Informationen und Hilfestellungen auf der Webseite als auch mit klaren Forderungen an die Entscheidungsträger. DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher: „Sportrollstühle, Sportprothesen und weitere Hilfsmittel zum Sporttreiben müssen für alle zugänglich sein, um Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am Sport zu ermöglichen. Für uns ist es eine Frage von Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Das ist nicht nur ein Ruf an die gesetzlichen Krankenversicherungen und die Eingliederungshilfe, sondern auch an die Politik und die Gesellschaft, dass hier dringend vereinfachte Verfahren herbeigeführt werden müssen, um Menschen mit Behinderung nicht vom Sport auszuschließen.“
 
Text: Stefanie Bücheler-Sandmeier / DBS

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